Bei Schmerzen im Bewegungsapparat ist eine häufige Reaktion, die betroffene Region möglichst zu schonen. Kurzfristig kann das sinnvoll sein – vor allem direkt nach einer akuten Verletzung. Langfristig zeigt die Forschung jedoch: zu viel Schonung kann den Heilungsprozess verzögern und die Funktion verschlechtern.
1. Studien zur Schonung vs. Bewegung
Studie 1 – Low Back Pain
Eine Übersichtsarbeit im British Journal of Sports Medicine zeigt klar:
„Für akute und subakute unspezifische Rückenschmerzen führt aktives Bewegen zu besseren Ergebnissen als absolute Schonung.“
(Quelle: Hart et al., 2008 – Advice to stay active decreases risk of persistent pain)
Studie 2 – Tendinopathien
Bei Sehnenbeschwerden zeigen systematische Reviews, dass graded loading (angepasste belastende Bewegung) die Schmerzen reduziert und die Funktion verbessert, während vollständige Schonung oft zu Muskelabbau und schlechterem Outcome führt.
(Quelle: Rio et al., British Journal of Sports Medicine, 2015)
2. Schmerzverarbeitung im Nervensystem
Moderne Forschung aus der Neurophysiologie zeigt:
- Bewegung aktiviert nicht nur Muskeln,
- sondern beeinflusst auch die Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem.
Mechanismen wie descendierende Hemmung und neuronale Plastizität können durch wiederholte, kontrollierte Bewegung positiv beeinflusst werden.
(Quelle: Moseley, Pain, 2003 – Funktionelle Veränderungen im Gehirn bei Chronischem Schmerz)
Warum das wichtig ist
Adaptationsprozesse brauchen Bewegung
Gewebe im Körper braucht mechanische Reize, um sich anzupassen:
- Sehnen werden belastbarer
- Muskeln bauen Kraft auf
- Gelenke ernähren sich besser durch Bewegung
Komplette Ruhe kann dagegen zu:
- verminderter Durchblutung,
- Muskelschwäche
- und erhöhter Schmerzsensitivität führen.
Diese Mechanismen sind in vielen Studien bestätigt.
Dosierung von Bewegung
Der Knackpunkt ist Dosierung:
- zu wenig Bewegung → keine Adaption
- zu viel → Überlastung
- genau richtig → Verbesserung
Studien zur therapeutischen Exposition zeigen, dass moderate, progressive Belastung die funktionelle Kapazität steigert, ohne die Schmerzen zu verschlechtern.
(Quelle: O’Sullivan et al., Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 2016)
Fazit
- Bewegung ist nicht gleich Belastung → qualitativ gesteuerte Bewegung ist entscheidend
- Absolute Schonung ist selten ein guter Langzeit-Plan
- Evidenz spricht dafür, dass angepasste Aktivität der Schlüssel für Heilung und Funktionsverbesserung ist
- Physiotherapie kann helfen, die richtige Dosierung und Progression festzulegen
Wissenschaftliche Quellen
- Hart et al. (2008). Advice to stay active decreases risk of persistent back pain. British Journal of Sports Medicine.
- Rio et al. (2015). Tendinopathy: load management. British Journal of Sports Medicine.
- Moseley (2003). A pain neuromatrix. Pain.
- O’Sullivan et al. (2016). Classification-based cognitive functional therapy.
